GARLAND JEFFREYS mit The King Of In Between

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Was Garland Jeffreys betrifft, kann ich problemlos den Grampa Simpson-Modus auspacken und damals anfangen, nämlich 1979. In jenem Jahr errang der HSV die deutsche Fußball-Meisterschaft, die Wende-Ära unter Helmut Kohl dämmerte allmählich vor der Tür hinauf, und ich hatte meine erste richtige, feste Freundin. Wenn wir gemeinsam einsam in unserem jeweiligen Zimmer saßen, lief dazu Jeffreys‘ Song „Matador„.

Dieser Titel war damals für alle möglichen Hörerschichten, ob nun z. B. Pop-Freund oder Rock-Fan, irgendwie überhaupt nicht so richtig zu verorten. Gemeinsamer Nenner: „Matador“ war und ist ein vorzüglicher Song – bis heute -, obwohl man nie so richtig wusste, worum es dem Sänger dabei nun wirklich ging. Aber das ist eine andere Geschichte; und sie soll am Ende dieses Textes erzählt werden.

Hinein ins Jahr 2012 – und tatsächlich: Mr. Jeffreys ist nach langer, langer Pause noch immer da. Mehr noch: mittlerweile satte 68 Lenze zählend, präsentiert er mit „The King Of In Between“ ein vorzügliches Album. Eines, das womöglich negativ initiierte Fragen und Vermutungen über Alter und damit womöglich zusammenhängende künstlerische  Wertigkeit nicht zulassen. Denn die Antwort ist klar: Garland rockt und soult über die gesamte Albenlänge einen Klasse-Track nach dem anderen in den heimischen Player, und lässt Fragen nach dem Geburtsdatum erst gar nicht aufkommen. Mehr noch: so viel Drive und Esprit wünscht man sich manch hochgehyptem Newcomer.

Classic Styles der populären Musik der letzten rund 60 Jahre bilden Jeffreys‘ musikalische Grundlagen. Als da sind: Blues, Rock, Soul, Reggae, Ska und reichlich Rhythm’n’Blues. Unausgegorenes Zumammenmanschen überlässt er anderen, und verleiht jedem Titel ein ganz eigenes, unverwechselbares Profil. Für den Opener „Coney Island Winter“ erntete Garland jüngst bereits eine Kritiker-Lobpreisung für „den besten Springsteen-Song, den Bruce nie selbst geschrieben hat„. Vielleicht übertrieben, doch Fakt ist: der Boss und Jeffreys sind seit langem enge Buddys, und beide spielten erst kürzlich gemeinsam mal wieder auf einer Konzertbühne.

Doch es dreht sich ums eigene Ding. Wie im Falle der fantastischen Dance-Reminiszenz „Streetwise„. Back to the Seventies, mit einem grandiosen Mix aus Isaac Hayes („Shaft„)-Schweißperlen und The Three Degress („Dirty Ol‘ Man„)-Eingängigkeit. Ein harter, unwiderstehlicher Bass, wild zucken Streicher-Blitze über einer straight und heavy wummernden Gitarre. Frühe Funk’n’Soul-Disco total, von einer unnachahmlichen, eigenständigen Klasse, die heutige Soul-Seichtigkeiten im Nu lässig pulverisiert. Und nur glückliche Gesichter auf dem Dancefloor zurücklässt.

Garland wechselt seine jeweilige Sound-Maske mitunter schneller als das Phantom der Oper. Ruckzuck geht es runter nach New Orleans, und unwiderstehlich verführt dort „‚Till John Lee Hooker Calls Me“ zum Mitstompen, mit jeder Menge „Boom Boom“ und verdienten Lyrics-Erinnerungen an Größen wie Bo Diddley und Fats Domino ausgestattet. Die Rock’n’Roll-Garagensound-Tage der Fifties feiern im Sun Studio-inspirierten „Love Is Not A Cliché“ eine authentische Wiederkehr.

The Contortionist“ erinnert an authentische Stones-Tage – und präsentiert einen weiteren langjährigen Freund für die Background-Sounds. Mr. Lou Reed lässt es sich hier nicht nehmen, auch für Garland seinen „Walk On The Wild Side“ zu beschreiten. Wie sich eingängiger, und dennoch straßenkompatibler Pop anzuhören hat, beweist der New Yorker mit dem lässig eingesungenen „I’m Alive„.

Im Interview mit dem Deutschland-Radio erläuterte Garland unlängst, was eigentlich hinter seinem Hit „Matador“ tatsächlich steckt: „Er beschreibt eine Art Orientierung, nach der sich die meisten Menschen sehnen. Ich singe ‚Bring mich zu dem Matador, der mir hilft, mit meinem Leben zu Recht zu kommen‘. Es handelt sich dabei weder um eine Person, noch um einen Gott: Es ist eine Kraft, etwas Spirituelles.“ Und ganz nebenbei ist es der Titel, der ihm auch heute noch die künstlerische Unabhängigkeit sichert: „Dieser Song war für mich, was „Bridge Over Troubled Water“ für Simon and Garfunkel gewesen ist. ‚Matador‘ erschien 1979 und wird noch immer in den Radios gespielt. Und bei mir klingelt die Kasse!„, erläutert Garland augenzwinkernd.

Fazit:
Diesen sichernden Lehnstuhl nutzt Garland Jeffreys für ein gleichermaßen relaxtes wie druckvolles Album. Da ist ein Singer/Songwriter alter Schule am Werk, der sich aber nicht auf mittlerweile verwelkenden Lorbeeren ausruht. Ganz im Gegenteil: „The King Of In Between“ weckt die Hoffnung, er möge so rasch wie möglich erneut mit solch großartigen Songs zurückkehren. Der „Matador“ weiß eben genau (und immer noch), wie er seinen Degen siegbringend aufs Ziel zu richten hat.

[xrr rating=8.0/10]

Tracklist:

1. Coney Island Winter
2. I’m Alive
3. Streetwise
4. The Contortionist
5. All Around The World
6. ‚Till John Lee Hooker Calls Me
7. Love Is Not A Cliché
8. Rock and Roll Music
9. The Beautiful Truth
10. Roller Coaster Town
11. In God’s Waiting Room
12. She’s A Killer
13. Everybody

Release: Mai 2012
Label: Big Lake Music Records
Stil:  Ska / Soul / Funk / Rock
Mehr Infos uner:
http://garlandjeffreys.com/

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Ein Gedanke zu „GARLAND JEFFREYS mit The King Of In Between

  • 21. Oktober 2012 um 01:00
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    einverstanden, äusserst beeindruckendes album. vieles hier ist so gut, dass es mich nicht wundern würde, wenn andere bands es covern.

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