WINTERSUN mit Time 1

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8 Jahre lang benötigte Mastermind, Leadsinger und Gitarrist Jari Mäenpää um den ersten Teil des Time-Epos fertig zu stellen. Es handelt sich hierbei um ein Album, das zweigeteilt ist in Time 1 und Time 2. Letzteres wird schätzungsweise 2013 die Ohren mit fortgeführter Epik verwöhnen. Meine Erwartungen sind, nachdem ich mir nochmal das Debütalbum Wintersun zu gemüte geführt habe, entsprechend hoch und nach einigen Trailern, die allerhöchstens zwei Sekunden von neuem Songmaterial hergaben, war ich extrem gehyped – und bin es auch jetzt noch. Raus aus dem Briefkasten und ab in die Anlage also, meine Vorfreude geht ins endlose.

Den Beginn macht When Time Fades Away und umgehend wird man mit Harfen, geisterhaften Gitarren, zarten Streichern und der asiatischen Èrhú verwöhnt. Die ersten Bilder im Kopf entstehen und man findet sich in einer epischen Schlachtszene wieder, erinnert das ganze doch sehr stark an orchestrale Filmmusik nach Vorbild von Hans Zimmer. Wunderschöne Flöten und hypnotisierende Pauken versetzen einen in ein japanisches Kopfkino von endlosen Weiten, Landschaften und Bergen und aufgrund der monumentalen Soundqualität, an der die letzten Jahre scheinbar endlos gefeilt wurde, kann man sich perfekt darauf einlassen. Sobald die ersten Blechbläser einsetzen ist man an den alten gewohnten Ensiferum-Charme erinnert, zu dem Jari damals schon in Liedern wie Iron verhalf.

Wüsste man nicht, dass der nächste Titel beginnt hätte man keine Ahnung, da dieses Lied perfekt und nahtlos in den knapp 14-minütigen Epos Sons Of Winter And Stars über geht. Schon bei den ersten Melodien läuft einem ein kalter Schauer über den Rücken und sobald  die ersten mit Blast Beat begleiteten Gitarren einsetzten fehlen einem die Worte. Die unglaubliche Tiefe des gesamten Orchesters, epische Frauenchöre und Jaris vertraute, krätzende Growls umarmen einen förmlich und man fühlt sich ganz in alte Wintersun-Zeiten zurück versetzt, der Anfangsriff erinnert sogar stark and Beyond The Dark Sun.

Das Lied ist so aufgebaut, dass es in vier Passagen – Kapitel, wenn man so will – unterteilt wird. Nachdem also Kapitel 1: Rain Of Stars schon nach 2 Minuten und 20 Sekunden vorüber ist, beginnt direkt Kapitel 2: Sorrounded By Darkness mit einem Killer-Riff und ich meine wirklich KILLER. Dabei mag angemerkt werden, dass die Titel etwas generisch gewählt sind, aber das wäre wirklich extrem pingelich, insbesondere, wenn man die sehr ausgeklügelten, persönlichen und emotionalen Texte ansieht. Nach einer gewissen Zeit fällt einem auch auf, dass scheinbar der technische Aspekt nicht mehr so stark vertreten ist und die anzahl der Arpeggios, für die Jaris Gitarrenkünste sehr gelobt werden, haben mächtig abgenommen. Hingegen fällt auf, wie sehr sich auf das Songwriting selbst konzentriert wird um tatsächlich einen gewaltig kolossalen Epos der Time-Saga zu schaffen. Es fällt mir wirklich schwer die passenden Worte für so ein monumentales Meisterwerk zu finden.

In einem Wirbel aus Emotionen, Chören und Orchestrationen kann man durchaus mal den Überblick verlieren und akustisch überfordert werden, ist das Lied alleine doch dermaßen komplex. Kapitel 3: Journey Inside A Dream. Leadsinger Jari hat es tatsächlich – man hätte es kaum für möglich gehalten – geschafft, seine Gesangskünste noch weiter auszubauen und ist nun in der Lage opernartige Einlagen zu kreiren.  Zum Ende des dritten Kapitels wird man nochmal mit einem ruhigen, aber mitunter auch trügerischen Chor als Kanon verwöhnt und nach kurzer Stille beginnt das Finale mit Kapitel  4: Sons Of Winter And Stars. Hier wird der Refrain  – wenn man diesen Teil überhaupt so nennen kann – vorgestellt. Meine Herren bleibt der im Ohr und will so schnell auch nicht wieder raus. Ausgeklügelte Wechsel von Gitarrenspielereien und Violinen, die zwischenzeitlich kommen, erinnern stark and die italienischen Epiker von Rhapsody. Im Wechsel von Blind Guardian artigen Chören und epischen Wintersun-typischen Blasts klingt das ganze dann nach einem wiederholten Crescendo des Refrains aus. Hier nahm man sich kurzerhand Mitglieder von Ensiferum und Turisas, welche den Refrain noch ein letztes Mal aus voller Seele rausbrüllen. Ich bin sprachlos.

Kommen wir also zu Land Of Snow And Sorrow. Ich kann mir vorstellen, dass Viele, nachdem sie Sons Of Winter And Stars hörten extrem hohe Erwartungen and die nächsten Lieder haben und mit diesem dritten etwas enttäuscht werden.  Ich hingegen denke, dass die Anfangsmelodie etwas so Wunderschönes ist, das ich den Tränen nahe bin. Nur durch eine einzelne Melodie, verdammt! Etwas träge, aber dennoch episch beginnt der Song in seine ruhigen Züge zu kommen und erinnert an Ensiferum Balladen wie Abandoned und Eternal  Wait.  Hierbei will nochmal angemerkt werden, was für eine bombastische Soundqualität dieses Meisterwerk hat und selbst trotz des tiefen Gitarrentunings klingen die Gitarren so dermaßen stark und knackig. Eine Kantele (ein finnisch-karelisches Folksintrument) setzt ein und es wird eine erstaunlich griechische stimmung erzielt, aber auch nur kurz. Jari merkte von vornherein an, dass der Time-Epos  30% schnell und etwa 70% langsamere Balladen enthält, Land Of Snow And Sorrow ist so eine und will aufgrund ihrer mangelnden Explosion nicht ganz zünden, ist aber mithilfe der Emotionalität dennoch ein starkes Stück und eine großartige Addition zur Scheibe.

Darkness And Frost kann als Intro zu dem Lied Time verstanden werden  und ähnelt aufgrund seiner Instrumentalstruktur When Time Fades Away. Hier treten auch wieder die traditionell-japanischen Einflüsse mehr in den Vordergrund – wirklich wunderschön. Es wurde etwas mit elektronischen Sounds rumexperimentiert und bevor man sich versieht, beginnt der Song Time nahtlos danach. Nach dem gigantischen Intro zu Time, welches wieder einmal Mörderriffs und epische Orchestrationen aufweist, wird man durch ein Interlude sehr and Sleeping Stars vom Debüt erinnert, umspielen einen dort Harfen mit traumgleichen Arpeggios, die einfach nur an einen glitzernden Sternenhimmel erinnern. Die Harfen und die asiatische Èrhú, der Einsatz der Gitarren, welche streicherartig einschwingen und die generelle häufige Verwendung von pentatonischen Tonleitern verleihen dem Song den bisher größten Japan-feel. Und siehe da: wenn auch nur im Hintergrund traut man sich tatsächlich mal and tiefe Growls ran – eine sehr willkommene Abwechslung! Aprospros Abwechslung: wurde auf dem ersten Album noch angekreidet, dass es vocal-technisch zu wenig Abwechslung gibt, kann man das Selbe zwar auch über Time 1 sagen, allerdings wäre dies wirklich kleinlich. Zwischenzeitlich fliegt einem doch noch der ein- oder andere Arpeggio und ein Gitarrensolo um die Ohren und man ist ganz in alte Wintersun Zeiten zurück versetzt. Mit einem traumhaft–ruhigen Outro verabschiedet sich die Scheibe dann schon nach etwa 40 Minuten in der scheinbar endlosen kosmischen Perfektion. Diese Perfektion wird mithilfe der Produktionstechnik ‚Layering‘ erziehlt, bei der viele Lagen von verschiedenen Instrumenten, Soundeffekten und insbesondere Hall-Effekten eine gigantische Tiefe erzielen.  Die letzten japanischen Klänge treten dann nochmal in einem Layerwahnisnn auf und man bekommt das Gefühl, nach all den Jahren des Wartens endlich zufrieden sterben zu können.

Faizt:

Was unterscheidet Time 1  also vom Debütalbum ‚Wintersun‘? Zum einen ist der Epos wesentlich komplexer und vom Sound her viel bombastischer und monumentaler. Es sind weniger eingängige Mitgröhl-Refrains vorhanden und es ist nicht zu leugnen, dass die gesamte Wintersun-Truppe – nicht nur Jari, sondern auch Kai, Jukka und Temmu – musikalisch gewachsen sind. Dadurch, dass wir nicht 8 kürzere Lieder haben, sondern im Grunde genommen ein einzelnes 40-minütiges, gibt es keine Lieder, die einfach nebenbei laufen sollen, sondern jederzeit als ein Gesamtwerk betrachtet werden müssen. Deswegen brenne ich auch schon so darauf Time 2 zu hören, insbesondere wegen des Liedes The Way Of The Fire, von dem schon wenige Male live gekostet werden durfte und auch, inwiefern sich Time 1 und Time 2 zu einem noch größeren Gesamtwerk binden werden. Ich bin immernoch wie vom Blitz getroffen von diesem Meisterwerk.

[xrr rating=9.5/10]

Wintersun mit Time I (Cover)
Wintersun mit Time I

Tracklist

1. When Time Fades Away

2. Sons Of Winter And Stars

3. Land Of Snow And Sorrow

4. Darkness And Frost

5. Time

Genre: Melodic Death Metal
Label:
Nuclear Blast
Runtime:
40 Minuten

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