PROPAGANDHI mit Failed States

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Fast 20 Jahre ist es her, seit Fat Mike (Frontmann der legendären NOFX) 1993 auf einem Festival eine kleine kanadische Band sah und ermutigte ein Teil seines Indie-Labels Fat Wreck Records zu werden. Heute, 5 Alben und einige Entwicklungsschritte später sind Propagandhi eine Instanz des Punkrocks auf der Schnittstelle zum Hardcore. Prägnant sind, neben starkem Songwriting, was so gar nichts mit der drei-Akkord-Legende des amerikanischen Punkrock zu tun hat, ein Hang zur etwas härteren Gangart und völlig uneingängigen und hochpolitischen Texten. Es werden einem keine typischen Songs mit Versen und Chorus vorgelegt, möglichst mit einer einfach singbaren Hookline oder Whoa-oh-oh Passagen – stattdessen ist es mindestens komplexe Prosa, teils fast ein politisches Manifest, was einem in den ebenso untypisch gegliederten Songs dageboten wird. Dieser Fakt mach Propagandhi deutlich sperriger als vergleichbare Vertreter wie etwa die deutlich eingängigeren (aber nicht weniger politischen) Strike Anywhere oder die deutlich Hardcore-lastigeren Comeback Kid. Dennoch ist klar: Diese Band hat noch etwas zu sagen. Und das ist gut so.

Das aktuelle Album der Band trägt den Namen Failed States und markiert einen weiteren Schritt in der Entwicklung der Band. Der Sound ist stärker als zuvor von progressive-Elementen geprägt – Vorbilder der Band wie Rush sind klar zu hören. Dennoch kommt auch der Ins-Gesicht Faktor nicht zu kurz, einige Songs kratzen eindeutig an der Grenze zum Old-School Hardcore viele sind im Uptempo-Punkrock angesiedelt. Zu dem tiefgehenden Inhalt der Texte kann ich leider an dieser Stelle noch nicht viel sagen: Propagandhi verlangt immer nach einem intensiven Studiums des mir leider nicht vorliegenden Booklets. Laut der Band – und hier zitiere ich den Pressetext – ist Failed States eine Meditation über die menschliche Natur und den Sinn und das Leben im Eindruck einer expandierenden, Planetenweiten Technokratie. Tiefschürfend also. Gefällt mir.

Der Opener Note To Self ist eine Mischung aus groovendem Punkrock und Progressive – sehr stimmig geschrieben und in sich wunderbar schlüssig. Failed States findet sich dann eher im Uptempo-Punkrock wieder, typische Riffings und Rhythmen inklusive – dennoch finden sich auch hier komplexe Abschnitte und Einflüsse – dennoch steht hier der Punkrock im Vordergrund. Ähnlich funktionieren auch Devil’s Creek und das nochmal aufs Gaspedal drückende Rattan Cane. Vollgas-Punkrock mit Hardcore-Einfluss wechselt sich mit eingestreuten progressiven Elementen ab. Das Songwriting ist hochklassig, insbesondere die Gitarren sind unglaublich vielschichtig arrangiert und erfordern einiges an Konzentration seitens des Hörers. Das folgende Headon Collision ist reinrassiger Hardcore-Punk und bringt Abwechslung in die Songabfolge. Hat man sich eigentlich gar nicht gewünscht, ist aber immer erfrischend. Status Update mischt stattdessen Metalanteile in den Sound und bietet für einen 1:05 langen Song eine erstaunliche Bandbreite an Elementen. Habe ich das hochklassige und ausgefeilte Songwriting schon erwähnt? Ja? Egal. Kann man nicht oft genug tun. Weiter geht es mit dem schnellen Things I Like, den zwischen Eingängig und Prog-Komplexität schwankenden Unscripted Moment und Dark Matters. Auch Lotus Gait überzeugt nach diesem Muster. Duplicated Keys Icarus beschließt das Album und fährt nochmal alles auf was Propagandhi können. Starker Abschluss – so muss eine CD angeordnet sein. Schön.

 Fazit: Propagandhi sind keine Band für eine Nacht. Das waren sie noch nie und damit muss man rechnen. Failed States ist beim ersten Durchlauf ein gordischer Knoten. Kein Song erschließt sich auf Anhieb, die Arrangements wirken zu komplex, zu groß. Der zweite Durchlauf ist ein bisschen besser. Der dritte Durchlauf öffnet einem die Augen. Ähnlich wie bei den großartigen Vorgänger Potemkin City Limits und vor allem Todays Empires, Tomorrows Ashes muss man sich reinhören und durchbeißen. Danach hat man ein Werk im Player, welches sich nur wenig Kritikpunkte gefallen lassen muss (etwa das fehlen eines echten „Hits“ oder die etwas kurze Spielzeit) und ein Hörerlebnis wie aus einem Guss bietet. Wer die Vorgänger mochte wird Failed States lieben, jeder andere sollte zumindest mal reinhören und sich nicht abschrecken lassen.

[xrr rating = 8.5/10]

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