MOTIONLESS IN WHITE mit Infamous

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Was haben Industrial, Metalcore, moderner Hardcore und Dark Wave gemeinsam? Auf den ersten Blickt nicht viel bis gar nichts – zu unterschiedlich sind Stil, Musik und Szene. Wer als Fan der modernen Hardcore-Szene würde sich schon auf eine Dark Wave Party verirren? Genau. Und dann kommen Bands des Weges, die scheinbar von dieser Trennung noch nie etwas gehört haben und zerstören die sorgsam gepflegten Szene-Weltbilder, in denen ein Hardcore-Fan nunmal Cap und Basketballshirt trägt. Und der Gothic ausschließlich Bondage-Kleidung.

 Die US-Amerikaner Motionless In White verbinden den Sound moderner Hardcorebands wie Asking Alexandria mit dem Industrial eines frühen Marilyn Manson oder Bands wie den Deathstars, streuen Metalcore-Elemente ein, die mich stark an Bands wie It Dies Today erinnern. Einmal kräftig durchgerührt, mit einer Prise Slipknot, Bleeding Through und I Am Ghost abgeschmeckt und fertig ist die Mischung, die auf dem zweiten Album der Band, Infamous, angeboten wird. Das ist auf den ersten Blick ziemlich interessant liest sich aber auch entsprechend verwirrend – wie können all diese Elemente sinnvoll bei einer Band Platz finden?

Der Opener Black Damask zeigt dann schonmal ganz gut wie diese Kombination in der Realität funktioniert. Brutale Blastbeats und Abriss-Riffings á la Bleeding Through treffen auf den typischen Cleangesang der sich gen Ende stimmlich immer mehr Richtung Gothic-Metal entwickelt und am Ende einen Abschluss bietet, der auch Bands wie Atrocity zu Gesicht stehen würde. Sehr starker Opener, der aber postwendend durch das noch stärkere Devil’s Night abgelöst wird, welches vor allem durch seine Slipknot-artigen Verse die Moshpits zum kochen bringen wird. Der Metalcore-Ohrwurm-Chorus tut sein übriges um einen starken Eindruck zu hinterlassen. America schwenkt dann fast vollständig auf den Industrial-Metal Pfad. Vor allem die verzerrte Stimme, aber auch viele andere Elemente im Sound erinnern stark an Marilyn Manson. Der nach wie vor sehr hohen Qualität zum trotze stutzt man hier bereits das erste Mal. Keiner der ersten drei Songs bietet ein verbindendes Element, jeder steht irgendwie für sich und kann überzeugen, aber hört man hier wirklich nur eine Band? Hat man doch aus versehen die 2000er-Metal-Best-Of CD eingelegt? Song 4, Burned At Both Ends, verstärkt diesen Eindruck – plötzlich findet man sich in typischen Metalcore-Gefilden wieder, klassische Riffings inklusive. Auch dieser Song ist stark, keine Frage, aber der Eindruck ist trotzdem merkwürdig. The Divine Infection wirkt dann endgültig wie ein Marilyn Manson Cover. Erinnert sich noch jemand an The Golden Age Of Grotesque? Genau so klingt dieser Song, vielleicht mit ein bisschen heftigeren Gitarren und ein bis zwei Shouts. Und jetzt wird es ganz ganz merkwürdig. Zwar können Motionless In White scheinbar auch Industrial, aber im nächsten Song hat man das Gefühl wieder die letzte Bleeding Through im Player zu haben. Mit einem Feature des The Sorrow Sängers. Das Gefühl, das doch die 2000er-Metal-Best-Of CD eingelegt wurde wird immer stärker und man ertappt sich dabei, nochmal nachzugucken ob auch wirklich das richtige Album rotiert. Tut es. Also weiter im Text.

Sinematic ist dann wieder von Industrial-Elemente durchsetzt während im Chorus scheinbar Chester Bennigton auftaucht. Moment. Linkin Park? – jetzt ist der Moment wo man sich als Rezensent erstmal setzen muss, denn jetzt wird es mir zumindest zuviel. Zwar schaffen Motionless In White es bis hierhin, dass kein Song wie der nächste klingt – aber keine zwei Songs klingen so, als wären sie von einer einzigen Band. Stattdessen werden hier alle Erfolgsrezepte vermischt und nacheinander serviert – Alleinstellungsmerkmal der Band bis hierhin: sie klingen ausschließlich wie andere. Genauso geht es weiter. Man ist entweder Bleeding Through (If It’s Dead We’ll Kill It), eine Industrial-Metal-Band im Stile früher Deathstars (Synthetic Love) irgendwie Slipknot, wenn sie plötzlich auch Metalcore verarbeiten würden (Underdog) Marilyn Manson feat. Korn (Infamousdas mit abstand dreisteste „Cover“, hier fehlt wirklich jedes Merkmal, dass nicht wirklich Marilyn Manson und Korn eine Coproduktion abgeliefert haben. Hätte man mir es im Vorfeld erzählt, ich hätte es ohne weiteres geglaubt). Kein Song ist schlecht, bei weitem nicht. Meist erreicht man mindestens das Niveau der Vorbilder – aber kein Song wirkt authentisch. Alles ist wie nachgespielt, alles wirkt wie auf den Erfolg zugeschnitten.

Fazit: Ich beschwere mich ja oft darüber, dass Bands 1:1 klingen wie andere Bands. Damit meine ich dann meistens aber, dass die gleiche Erfolgsformel verwendet wird und Songs nach immergleichen Mustern gestrickt werden. Bei Infamous freute ich mich zunächst – diese Band schien nach einem völlig anderen Muster zu verfahren. Spätestens beim zweiten Durchlauf aber war mir klar, dass hier überhaupt keine eigene Handschrift vorliegt. Die gesamte CD wirkt wie ein Tribute an die Helden der 2000er, von Korn bis Bleeding Through sind sie alle versammelt. Nur was die Band selbst wirklich ausmacht, das bleibt einem völlig verschlossen. Wer darauf steht und die Songs einzeln genießen kann, für den ist diese CD sicher viel wert. Für Leute wie mich, die es mögen wenn man die Handschrift einer Band erkennt, ist diese CD völlig wertlos – ungeachtet der unbestreitbar sehr hohen Qualität der einzelnen Songs. Ein so hörbar ausschließlich auf kommerziellen Erfolg ausgerichtetes Album, welches Versatzstücke von erfolgreichen Künstlern verbaut, ohne Rücksicht auf die eigene Kreativität zu nehmen fällt bei mir leider durch.

[xrr rating=3,5/10]

01. Black Damask (The Fog)
02. Devil’s Night
03. A-M-E-R-I-C-A
04. Burned At Both Ends
05. The Divine Infection
06. Puppets 2 (The Rain) (Ft. Bjorn Speed Strid of Soilwork)
07. Sinematic
08. If It’s Dead, We’ll Kill It (Ft. Brandan Schieppati of Bleeding Through)
09. Synthetic Love
10. Hatefuck
11. Underdog
12. Infamous

Label: Fearless Records

Veröffentlichung: Bereits erschienen

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