CONVERGE mit All We Love We Leave Behind

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Es gibt Musik, die ungefähr von 85% der Menschheit als reiner Lärm, strukturloser Quatsch und unhörbarer Mist empfunden wird. Allerdings empfinden die anderen 15% diese Musik als grandios. Sie erkennen die Komplexität, die unglaublich anspruchvollen Instrumentalparts und vor allem das Verständnis von Kunst und Kreativität was hinter dieser Musik steht. Converge war schon immer eine dieser Bands, die mit ihrer schwer zu fassenden Komplexität in Verbindung mit brutaler Härte und auf klassische Strukturen verzichtende Songs wohl für viele Menschen für immer verschlossen bleiben wird und definitiv in diese Sparte fällt. Die Band aus Boston, die seit mittlerweile 22 Jahren ihren wegweisenden New-School Hardcore spielt und spätestens seit dem Hammer Jane Doe von 2001 eine der einflussreichsten Bands des Genres ist, (Bands wie die Cancer Bats hätte es ohne Converge wohl eher nicht gegeben) veröffentlicht nun ihr neuntes Studioalbum und All We Love We Leave Behind ist eines sicher nicht: zugänglich und entspannt.

Nach wie vor erschlägt einen der brachiale Sound der Band. Die Mischung aus Hardcore und Grindcore verbunden mit Elementen aus Metal und Punk ist schwer bekömmlich – aber niemand legt eine Converge – CD in den Player und erwartet Easy Listening. Und wer das tut, der sollte seinen Musikgeschmack eventuell nochmal neu und sehr gründlich überdenken und eventuell das Genreregal im Elektronikfachmarkt seiner Wahl wechseln. Die Prodution der CD ist angehnem organisch, roh und im richtigen genau richtigen Maße lärmig – Converge würden die typische Hochglanzproduktion auch wirklich nicht vertragen. Dieser Sound braucht dringend kleine Unklarheiten, Lärm und Feedbacks. Das Artwork des Digipacks ist übrigens sehr angemessen und stimmig. Anders: sehr schick. Danke.

Bereits der Opener Aimless Arrow macht deutlich, was Converge ausmachen: Komplexe Instrumentierung trifft auf eine unbändige Energie und hochgradig versiertes Songwriting, welches ein Gesamtkunstwerk erschafft, auf das man sich sehr gezielt einlassen muss. Stark. Tresspasses ist ein brutaler Schlag ins Gesicht. Schnell, brutal, sehr sehr stark. Definitiv ein erstes Highlight, auch wenn man dieses Album wohl eher am Stück hören sollte um seine Tiefe zu begreifen. Tender Abuse biete neben einer vollen Breitseite auch schön drückende Metalriffings die sich in den Stoner Rock-mäßigen Beginn von Sadness Comes Home auflösen, welches mit komplexen Tapping und starken Geschwindingkeitsbrüchen das Können der Band nochmal unterstreichen. Sei es das brutal-kurze Sparrow’s Fall oder das im Midtempo angesiedelte, erneut mit Stoner Rock spielende Glacial Pace – dieses Album hat keine Aussetzer. Die Songs sind in sich sehr abwechslungsreich und durch ihre Komplexität sehr schwer in Worte zu fassen. Vicious Muse etwa beginnt fast schon wie ein cheesy Indie-Rock Song, um dann mit Einsetzen der Gitarren in einen brutalen Noise-Übergriff – ja hier kann man durchaus „zu eskalieren“ sagen. Erneut ein Highlight.

Veins And Veils kombiniert ähnliche Elemente, auch wenn der Beginn schon fast an Grunge erinnert, bevor Hardcore und komplexestes Gitarrenriffing jeden Gedanken an Nirvana beiseite wischt. Coral Blue verweilt dann deutlich länger im Midtempo und nimmt etwas die Faust aus dem Gesicht des Hörers. Der urplötzlich auftauchende Cleangesang bietet eine erste Entspannung und Converge liefern hier für ihre eigenen Verhältnisse einen sehr entspannten Song ab, angereichert mit Gitarrenlicks die aus den Siebziegern stammen könnten und teils an einen Jam erinnert. Sehr erfrischend und vor allem der Abwechslung des Albums mehr als zuträglich. Trotz seiner Andersartigkeit (oder vermutlich eher genau deswegen) ist Coral Blue ein weiterer Song, der in Erinnerung bleibt. Shame In The Way schlägt dann wieder unbarmherzig zurück und liefert bekannte Brutalität und Komplexität – Precipice nimmt dann als Interlude etwas die Geschwindigkeit raus und leitet in den Titeltrack der CD über, der neben einer minutenlangen Steigerung vom langsamen Bassintro bis zum energiegeladenen Mittelstück erneut vollständig überzeugen kann. Predatory Glow mit seinen Midtempo Groove-Riffings beschließt dann die Reise und beendet ein Album, welches man definitiv dreimal hören muss, bevor man versteht was Converge eigentlich ausmacht. Stark.

Fazit: All We Love We Leave Behind ist ein Hitalbum – sofern dieser Begriff für eine Band wie Converge auch nur im Ansatz angemessen sein kann. Es ist brachial, voller Energie und toller Songs, abwechslungsreich und am besten nur am Stück zu hören. Die Band bringt in den 38 Minuten präzise auf den Punkt, was ihre Stärken sind und experimentiert dabei in Genregefilden jenseits jeder Grenzen. Dabei befindet sich, von der Leadgitarre bis zu den unfassbar energetischen Drums, jeder Musiker auf einem technischen Niveau, von dem viele andere wohl ihr Leben lang nur träumen können. Converge haben geliefert und jeder der mit dieser Art von Hardcore etwas anfangen kann, sollte sein Album des Monats, wenn nicht sogar des Jahres in der Hand haben. Wer allerdings schon This Is Hell etwas zu dolle findet, mit dem Genregemisch der Cancer Bats nichts anfangen kann oder beim Hören von Gacys Threads einen Hörsturz riskiert, der sollte wohl doch lieber nicht zu All We Love We Leave Behind greifen.

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