San Glaser – Jazz Konzert

Dir gefällt der Artikel? Dann teile ihn!

Mit musisch schaffenden Künstlern verhält es sich in Sachen Karriere-Beurteilung ähnlich einem Buche. Gilt das Fazit – irgendwann rückblickend gesehen – als kleine, stimmige Novelle, als anregende Kurzgeschichtensammlung, oder als spannungsvoll und abwechslungsreich inszenierter Roman? Der Auftritt der holländischen Jazz- und Soul-Lady San Glaser im Hamburger Birdland gibt eine Menge Hinweise in Sachen zukünftiger Einordnung.

Die Vorab-Stimmung gestaltet sich positiv: Sitzplätze sind nicht mehr auffindbar, Steh-Besucher drücken sich an Wände und in Nischen, der Tresen brummt. 22:30 Uhr, San und ihre Musiker betreten unter dem Applaus der Fans die Bühne. Das Besetzungs-Line-Up zeigt sich gegenüber vergangenen Jahren stark verändert. Gerade während der Opening-Tracks bleibt hie und da spürbar, dass dies den ersten gemeinsamen Live-Auftritt darstellt – doch Patzer bleiben aus. Folgerichtig wachsen im Verlauf des Abends Harmonie, Abstimmung und Spielfreude.

Als Opener wählt die Band mit „Don’t Be Afraid“ eine ruhigere Aufnahme, um danach mit dem bluesgetränkten „Letting Go“ das Tempo anzuziehen. Highlights des ersten Konzert-Teils: Glasers vorzüglicher Jazz-Kunstgriff in Sachen Re-Animation des Culture Club-Klassikers „Do You Really Want To Hurt Me“. Den persönlichen Evergreen „All Of My Life“ präsentieren Sängerin und Band im Gegensatz zur Alben-Version kräftig abgespeckt, was die ursprüngliche Piano-Jazz-Dominanz angeht. Das Augenmerk liegt heute auf einer im Vordergrund stehenden Drum-Basis.

Mit „Don’t Leave Me Standing Here“ präsentieren die Musiker eine erste Kostprobe des kommenden Albums. Die auf Anhieb zündet: San wandert musikalisch im Midtempo auf Country-Pfaden, allerdings weit abseits allzu oft strapazierter Nashville-Attitüden. Gediegenes Singer/Songwriter-Tum trifft auf straighte E-Gitarren-Parts, die eindringlichen Lyrics sorgen fürs Sahnehäubchen.

Zeit für den Auftritt eines Gaststars: Foppe, der Kromfohrländer, stürmt die Bühne. Doch mit Gesang und Instrumenten hat er nichts am Hut – es handelt sich bei ihm nicht um einen Musiker, sondern Sans liebenswerten kleinen Hund, den es nach seinem Frauchen verlangt. Niemand im Birdland hat etwas gegen seine Anwesenheit einzuwenden – im Gegenteil. Brav und unaufdringlich erkundet Foppe fortan Raum und Gäste.

Die Kommunikation unter den Musikern stimmt: etwa, wenn Arnd Geise den Kontrabass zur Seite stellt, und sich mit Ulle Rode inspirierte Duelle an der E-Gitarre liefert. Überhaupt Rode: dank virtous geführter Lead-Gituar finden Duane Eddy-Twang-Momente, Echo-Hall und funkige Seventies-Licks Einzug in die Songs. Was eine willkommene Auffrischung des Klangbilds bedeutet. Für eine vortreffliche Bereichung des Outfits der Glaser-Songs sorgt die vielseitige Anne de Wolff. Mit gefühlvollem Violinen-Spiel, und punktgenau platzierten Percussion-Parts, gestaltet sie stets stimmige Sound-Accessoires.

Drummer Tobias Held agiert variantenreich und auf den Punkt kommend. Seine energisch und temperamentvoll ausgespielten Soli feiert das Publikum zu Recht. Untadelig, und mit viel Gespür für kleine atmosphärische Moment-Aufnahmen, versieht Maik Schott sein Keyboard-Spiel.

Nach einer Pause – von mir willkommen angenommen für frisches Bier, und der Chance auf zwei Cigaretten vor der Tür – präsentieren San und Band mit „Memory Lane“ einen weiteren, brandneuen Track, der im letzten Abschnitt mit ungewohnten – und im Gesamt-Kontext dennoch höchst stimmigen – Psychedelic-Sounds aufwartet. Die Straße der Erinnerung ist oft eine Long And Winding Road, und das weiß die lebenserfahrene San Glaser nur zu genau.

In kleinen Ansagen gibt San Persönliches preis: „Diesen Song habe ich geschrieben, als ich wegen Liebeskummer nach New York geflüchtet war“, erläutert sie – und lächelt dabei so strahlend, als wäre ein lädiertes Herz das Beglückendste auf Erden. Auf jeden Fall stellt das jazzig-verspielte „All These Things“ einen der stärksten Tracks des Albums „New Road“ dar – an diesem Abend höchst beschwingt präsentiert. Neben der ohnehin geschätzten Luftigkeit in Sachen Gesamt-Komposition überzeugen harmonisch eingefügte Neuerungen im Arrangement-Detail.

Der zweite Konzert-Teil steht deutlich im Zeichen angezogenen Tempos. Und überrrascht weiterhin mit aufgefrischten Versionen bekannter Tracks. Besonders hervorzuheben ist da „There Must Be A Lesson Here„, mit viel Drive und Druck umgesetzt. „This Bliss“ entstammt wieder dem Fundus des brandneuen Song-Kästchens – und schlägt voll ein. Unterlegt von funkigen Seventies-Soul-Beats lädt San auf den Dancefloor, natürlich abseits der handelsüblichen Trockeneisnebel-Verirrungen. Hier flirrt noch die echte, gute alte Disco-Kugel aus Zeiten eines „Upside Down“ von Diana Ross.

Den Konzert-Abschluss, vor den beiden Zugaben, bildet die quirlige Soul-Pop-Nummer „Girls Like Me„. San Glaser ein Girl? Nun bewegt sich die Künstlerin einige (wenige) Lebens-Jahre entfernt von überschäumenden Backfisch-Zeiten. Doch sie existieren: jene Frauen, die sich darauf verstehen, den Zauber jugendlicher Anmut zu bewahren. San besitzt dieses seltene Gen. Auch eine Audrey Hepburn blieb zeitlebens eigentlich immer ein Girl, und sowieso: „Tonight in the Light / you look just like a Girl again“ (Ute Lemper). Die Welt braucht Frauen mit tapfer bebendem Mädchen-Herzen.

Nach diesem Abend steht fest: eine künstlerisch entgültige Festzurrung der Glaser-Song-Niederschriften kommt eindeutig zu früh. Denn das Karriere-Buch der aparten Sängerin ist ja noch jung, und hält daher fraglos viele weitere, spannende Kapitel für den Musikfreund bereit. Der Abend im Birdland bietet einen höchst appetitanregenden Vorgeschmack auf Kommendes. Erfreuen wir uns also noch sehr lange an einem Girl Like Her.

Location: Birdland Hamburg
Datum: 23.04.2011

Setlist:

1. Don’t Be Afraid
2. Let It Go
3. Piece Of The Sky
4. In My Dreams
5. Do You Really Want To Hurt Me
6. New Road
7. Don’t Leave Me Standing Here
8. All Of My Life
9. How


10. Memory Lane
11. All These Things
12. Coming Home
13. Never In Vain
14. There Must Be A Lesson Here
15. This Bliss
16. Who’s Gonna
17. Girls Like Me

Zugaben:

18. More
19. How

Besetzung:

San Glaser – Gesang
Anne de Wolff – Violine/Chor/Percussion
Maik Schott – Keyboards
Ulle Rode – Gitarre/Chor
Tobias Held – Drums
Arnd Geise – Bass

Mehr Infos zu San Glaser:

www.sanglaser.com/die offizielle Homepage
www.myspace.com/sandraglaserder MySpace-Auftritt.
www.facebook.com/pages/
san-glaser/17784358678?v=infoSan auf Facebook.
www.laut.de/San-GlaserBiographie, Interview & Alben-Kritiken.

Dir gefällt der Artikel? Dann teile ihn!